Tethered Caps? Wir sind bereit!

Getränkeverpackungen steht eine sichtbare Veränderung bevor – zumindest in der EU. Denn dort müssen Verschlüsse von Einweg-Kunststoffflaschen künftig so gestaltet sein, dass sie auch nach dem Öffnen mit der Flasche verbunden bleiben. Die Regelung gilt zwar erst ab 2024, doch damit der Übergang möglichst reibungslos funktioniert, macht sich die Industrie schon jetzt dafür bereit. Denn wie die Berater von PricewaterhouseCoopers in einer Studie hochgerechnet haben, müssen EU-weit rund 1.350 Abfülllinien auf die Verarbeitung von Tethered Caps vorbereitet werden.

Nicht wenige dieser Linien stammen von Krones. Daher haben sich auch bei uns schon frühzeitig Experten verschiedener Fachbereiche mit der EU-Direktive auseinandergesetzt. Zwei davon habe ich via MS Teams im Homeoffice zum Interview besucht: Johannes Plankl, Produktmanager für Füll- und Verschließtechnik, sowie Aurelie Börmann, die als Chemie-Ingenieurin im Fachbereich Packaging Design and Application arbeitet.

Aurelie und Johannes, seit wann beschäftigt ihr euch schon mit Tethered Caps?

Aurelie: Als ich 2017 bei Krones anfing, war die Entwicklung einer Flasche für Tethered Caps gleich eines der ersten Projekte, an denen ich mitgearbeitet habe. Die EU-Direktive kam zwar erst zwei Jahre später heraus, aber ein ähnlicher Gesetzesvorschlag wurde damals bereits in Kalifornien diskutiert. Der Verschlusshersteller Aptar suchte deshalb einen Partner, der mit ihm zusammen ein entsprechendes Tethered Cap entwickelt. Aus der Kooperation ist dann FlipLid entstanden, das wir 2018 zum ersten Mal gemeinsam mit Aptar vorgestellt haben.

Johannes: Generell muss man dazu sagen, dass das Thema für die Branche nicht völlig neu ist. Auch wenn es bisher keine gesetzliche Pflicht dafür gab: Verschlusssysteme, die mit der Flasche verbunden bleiben, existieren schon länger auf dem Markt – und werden auch jetzt schon von einigen Getränkehersteller verwendet, darunter auch Kunden von Krones.

Ab 2024 sind Tethered Caps in der EU verpflichtend. Wie bereitet Krones sich darauf vor?

Aurelie: Wir in der Kunststofftechnik beteiligen uns beispielsweise daran, einen Vorschlag zu formulieren, wie ein sinnvoller Standard für Tethered Caps aussehen könnte. Denn momentan steht ja nur generell fest, dass Tethered Caps verwendet werden müssen – nicht aber, welche exakten Rahmenbedingungen es dabei einzuhalten gilt.

Warum arbeitet ihr an einem solchen Vorschlag und was genau geschieht damit?

Aurelie: Das Ganze geschieht im Rahmen einer EU-Arbeitsgruppe: CEN, das europäische Komitee für Normung, hat den Industrieverband CETIE gebeten, einen solchen Vorschlag vorzulegen. Und weil Krones wiederum Mitglied bei CETIE ist, arbeiten wir aktiv bei diesem Projekt mit. Die Festlegung des Standards ist letztlich zwar Sache der EU, aber wir können uns beratend einbringen. Diskutiert wird da zum Beispiel die Frage, welcher Kraft die Verschlüsse mindestens standhalten müssen, bevor sie doch vom Behälter gelöst werden können. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden. Denn je größer die Abzugskraft, desto mehr Material braucht man, um die Kappe herzustellen. Und das widerspricht eigentlich den aktuellen Bestrebungen, möglich sparsam mit Wertstoffen umzugehen.

Haben Tethered Caps auch Auswirkungen auf das Flaschendesign? Oder konfligieren sie vielleicht sogar mit dem Einsatz von Lightweight-Behältern?

Aurelie: Nein, die Tethered Caps haben nur einen Einfluss auf das Neckdesign, also die Flaschenmündung. Was oberhalb des Tragrings passiert, spielt für die Flasche selbst eigentlich keine Rolle.

Johannes: Aus Sicht der Verschließtechnik ist es wichtig, dass das Mundstück den Kopfdruck aushält und dass der Durchmesser des Neckrings groß genug ist, um die Flasche im Verschließer gegen die Rotation sichern zu können. Um solche Fragen zu klären, arbeiten wir auch eng mit den verschiedenen Verschlussherstellern zusammen.

German Packaging Award 2020 Sustainability, Deutscher Verpackungspreis 2020 Nachhaltigkeit

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Johannes: Die Verschlussproduzenten stellen uns vorab Muster der verschiedenen Tethered Caps zur Verfügung. Die testen wir dann ausgiebig in unserem Technikum auf ihre Verarbeitbarkeit. Und die Ergebnisse teilen wir im Anschluss wiederum mit den Herstellern.

Was spielt denn für die Verarbeitbarkeit eine Rolle?

Johannes: Beispielsweise, mit welcher Kraft und welcher Bewegung der Verschluss auf die Flasche aufgebracht werden muss. Da lassen sich zwei verschiedene Typen von Tethered Caps unterscheiden: erstens Schraubverschlüsse und zweitens sogenannte Aufprellverschlüsse, zu denen beispielsweise auch Verschlüsse für Speiseöl zählen. Bei Schraubverschlüssen reicht die Kombination einer Dreh- und einer verhältnismäßig sanften Drückbewegung, um sie aufzubringen. Aufprellverschlüsse dagegen muss man gewissermaßen auf die Mündung hämmern und den Druck für eine gewisse Zeit halten, sonst springen sie wieder runter. Außerdem spielt die Außenkontur der Verschlüsse eine große Rolle. Denn davon hängt dann wiederum die Wahl der Verschließerköpfe ab.

Kannst du das ein bisschen genauer erklären?

Johannes: Wir arbeiten im PET-Bereich mit zwei verschiedenen Typen von Verschließerköpfen: Konen und Greifer. Der Konus schlüpft von oben über den Verschluss drüber, daher eignet er sich nur für Verschlüsse mit einer rotationssymmetrischen Außenkontur. Es gibt aber auch Verschlüsse, die beispielsweise mit einem Scharnier ausgestattet sind oder die an der Seite eine Nase haben, die man mit dem Finger aufschnippen kann. Für die verwenden wir dann einen Greifer. Der funktioniert ähnlich wie eine menschliche Hand, die ja auch Gegenstände mit unterschiedlichsten Außenkonturen greifen kann.

Welches Fazit habt ihr bis jetzt aus den Tests gezogen?

Johannes: Vor allem, dass wir sehr beruhigt sein können. Wir haben festgestellt, dass wir für jede erhältliche Tethered-Cap-Variante bereits eine Lösung haben. Mit unserem aktuellen Verschließer-Portfolio können wir alles abdecken, das lässt uns schon etwas entspannter auf 2024 blicken.

Die meisten Abfüller werden die Tethered Caps sicherlich auf bestehenden Linien verarbeiten. Auf welchen Umrüstaufwand müssen sich unsere Kunden einstellen?

Johannes: Das hängt ganz davon ab, welche Art von Tethered Cap verwendet wird. Bei Kunden, die sich für einen geschlitzten Schraubverschluss entscheiden und ihre bisherige Mundstückgeometrie beibehalten, müssen maximal die Konen ausgetauscht werden, weil sich die Außenkontur eines Tethered-Schraubverschlusses nur minimal von der eines klassischen Schraubverschlusses unterscheidet. In allen anderen Fällen müssen wir je nach Verschlusstyp individuell prüfen, was an der Maschinentechnik geändert werden muss.

Zum Abschluss würde mich eure Meinung interessieren: Wie steht ihr persönlich zu der EU-Direktive?

Aurelie: Die EU-Direktive adressiert ja mehrere Themen rund um Einweg-Kunststoffe. Beispielsweise legt sie Recycling-Quoten fest und verbietet gewisse Einmal-Artikel, die Stand heute besonders oft in der Natur landen. Daher ist sie auf jeden Fall sinnvoll. Allein schon, weil sie eine große Aufmerksamkeit auf das Thema Umwelt- und Ressourcenschutz gelenkt hat – und das nicht nur bei uns in Europa. Doch speziell bei den Tethered Caps lässt sich die Frage nicht so leicht beantworten. Inwiefern der tatsächliche Nutzen auch den Mehraufwand – vor allem den Mehraufwand an Material – rechtfertigt, muss sich erst noch zeigen.

Johannes: Ja, das sehe ich ähnlich. Mir persönlich wäre es am liebsten, wenn wir in Europa einfach möglichst schnell ein flächendeckendes Rückgabe- und Recycling-System auf die Beine stellen würden.

Aurelie und Johannes, herzlichen Dank euch beiden für das aufschlussreiche Gespräch!

Für alle, die noch mehr über Tethered Caps und die EU-Direktive erfahren möchte, habe ich noch eine Leseempfehlung: Unser Kunststofftechnik-Produktspezialist Jochen Forsthövel, der übrigens auch regelmäßig für Krones bloggt, hat alle wichtigsten Fakten zum Thema in einem Whitepaper zusammengefasst. Zu finden ist es auf unserer Website im Bereich „Kunststoffe und Nachhaltigkeit“.