6 Min. Lesezeit Verschlusssache - Der Kronenkorken ist eine Wissenschaft für sich

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Verschlusssache – Der Kronenkorken ist eine Wissenschaft für sich Technologie | | 12.12.2013 6 Min. Lesezeit

Der Kronenkorken oder Kronkorken ist laut Definition ein flacher, metallener Verschluss mit gewelltem Rand, mit dem Flaschen maschinell verschlossen werden, indem der Rand von außen gegen den Flaschenhals gepresst wird. Punkt. Der Kronenkorken, ein einfacher Blechverschluss für Bierflaschen? Mitnichten. Auch hinter diesem scheinbar einfachen, kleinen Ding verbirgt sich ein hoher Aufwand an technischer Präzision, an Forschung und Entwicklung, und es bietet schier unendliche Chancen des Produktmarketings.

Drama bei der Warsteiner Brauerei. 2012 verloste Warsteiner bei seiner jährlichen „Kronkorken-Meisterschaft“ sage und schreibe 90 Mercedes C-Klasse mit AMG Sportpaket und über 7 Millionen Sofortgewinne. Fünf der Hauptgewinner erfuhren in Warstein, dass ihr Gewinncode doppelt vergeben worden war und sie sich ihr Auto mit einem zweiten Gewinner teilen müssten. Blankes Entsetzen in den Augen der Gewinner. Hatte der Lieferant der Kronenkorken einen Fehler begangen? Er war verantwortlich dafür, dass jede Gewinnnummer nur einmal auftauchte, dass die Abermillionen Kronenkorken mit Gewinnen und Nieten homogen gemischt, die Gewinne über einen definierten Zeitraum statisch verteilt waren, dass die Rückverfolgbarkeit gewährleistet war.

Was war trotz aller Qualitätskontrolle schief gegangen? Nichts. Warsteiner hatte sich einen Scherz erlaubt und die fünf Hauptgewinner vor versteckter Kamera mit einem zweiten „Gewinner“ und einem „Notar“ konfrontiert, die beide lediglich Schauspieler waren (zu sehen auf YouTube). Letztendlich konnte das vermeintliche Drama positiv und sympathisch aufgelöst werden.

Rund 12 Milliarden Kronenkorken pro Jahr

Zu den führenden Anbietern von Verschlüssen in Europa gehört die heutige Rauh Gruppe, ein 1947 als Einzelfirma gegründeter Familienbetrieb. Sie produziert an den drei Standorten Küps, Lohne und Ljubljana (Slowenien) mit 190 Mitarbeitern rund 12 Milliarden Kronenkorken pro Jahr. Darüber hinaus gehen vier Milliarden Aluminium-Anrollverschlüsse, 60 Millionen Bügelverschlüsse und 50 Millionen Natur- und Griffkorken an Brauereien, Brunnen und Weinabfüller in aller Welt. Die Rauh Gruppe wird von Roland Rauh zusammen mit seinen Kindern Christel und Florian Rauh geführt. Produktionsleiter Michael Blüchel und Nico Engelhardt, Leiter Qualitätssicherung, beschäftigen sich am Standort Küps tagein, tagaus mit der Produktion von qualitativ hochwertigen Verschlüssen und der reibungslosen Just-in-time-Versorgung der Abfüller.

In den Werken arbeiten modernste Maschinen. Eine separate Druckerei beschichtet die Weißblechplatten und bedruckt sie im Offset-Druck mit dem gewünschten Design. Aus jeder Blechtafel werden später exakt 729 Kronenkorken gestanzt. Eine spezielle Maschine setzt extruierte Kunststoffmasse in Form eines Kügelchens in den Stanzling ein, welche im Folgenden als Dichtung ausgeprägt wird. Eine Kameraüberprüfung jedes einzelnen Kronenkorkens innen und außen sowie ausführliche serienbegleitende Prüfungen überwachen die hohen Qualitätsanforderungen, die an die Verschlüsse gestellt werden.

Sofortgewinne oder gemütlich Dame spielen

Aufgrund des ständig steigenden Umfangs der Promotion-Aktionen und mit Blick auf die zunehmende Diversifizierung von Gewinnverteilungen, Art und Anzahl der verschiedenen Gewinncodes und deren Lesbarkeit hat die Firma Rauh ein Verfahren entwickelt, das sich von den alten Kennzeichnungsmöglichkeiten wie Inkjet-Druck oder Laserung auf der Lasermasse unterscheidet. Bei diesem Verfahren wird in die Innenseite der Kronenkorken ein farbiger Spiegel gedruckt und in diesen Spiegel mittels Laser die gewünschte Kennzeichnung eingebracht. Anschließend wird eine transparente Dichtung in den Kronenkorken eingepasst. Dadurch entsteht keine direkte Berührung mit dem Getränk, wie es bei Vorgängerverfahren der Fall war. „Mittlerweile haben wir mehrere Milliarden von diesen Laserungen auf den Markt gebracht“, erklärt Michael Blüchel.

Eine Frage der Dichtung

Der amerikanische Erfinder William Painter hatte den Kronenkorken erstmals 1892 zum Patent angemeldet. Doch dazu war auch ein Dichtmaterial erforderlich. Aufgrund seiner natürlichen Eigenschaften bot der Kork dafür die besten Voraussetzungen, sodass zunächst dünne Scheiben aus Naturkork zum Einsatz kamen. Später wurden diese Naturkorkscheiben dann durch Presskorkscheiben ersetzt, wodurch die Flaschen schneller und besser abgedichtet werden konnten. Allerdings bestanden noch immer der Nachteil der Sauerstoffdurchlässigkeit sowie die Gefahr von Fehlgeschmack, bedingt durch Kork und Leim. Durch die Einbringung einer Zinnfolie wurde versucht, diese Nachteile zu minimieren. Ab 1970 entwickelten die Hersteller PVC-geschäumte Dichtungen, die ein sehr gutes Abdichtverhalten auch bei kleineren und mittleren Mündungsbeschädigungen und eine höhere Geschmacksstabilität gegenüber Kork boten. PVC enthält jedoch Weichmacher und Phthalate und ist somit nicht geeignet für den Kontakt mit Getränken. Außerdem führte der relativ hohe Gasaustausch leicht zu Alterungsgeschmack.

Ab 1985 kamen deshalb PVC-freie Dichtungen auf den Markt. Bei diesen Dichtungen wird ein PE-Granulat (Polyethylen) über einen Extruder in den Kronenkorken eingebracht. Ein Stempel prägt ein Profil in die Dichtung. „Die PVC- und Phthalat-freien thermoplastischen Elastomere bieten einen wesentlich geringeren Gasaustausch und eine höhere Geschmacksneutralität sowie längere Mindesthaltbarkeit. Tendenziell zeigen sie jedoch ein schlechteres Abdichtverhalten bei mittleren Mündungsbeschädigungen und sind empfindlicher bei Verschließfehlern“, erklärt Nico Engelhardt.

Verbesserungsmöglichkeiten durch Barriere-Massen

Je nach Füllgut, Temperaturbehandlungen und Flaschenqualität ist die Wahl der richtigen Dichtungsmasse von Bedeutung. Probleme mit Sauerstoff im Bier, wie Geschmacksbeeinträchtigung, Farbwechsel oder Trübungen, entstehen durch im Bier gelösten Sauerstoff, der während der Füllung eingeschlossen wird, und durch Permeation von Sauerstoff nach dem Verschließen. „Durch die richtige Dichtungsmasse sind hier Verbesserungsmöglichkeiten gegeben“, weiß Nico Engelhardt. Zum einen bieten die Hersteller passive Barriereprodukte, zum anderen aktive Barriereprodukte, so genannte Scavenger, und zum dritten eine Kombination aus passivem und aktivem Schutz. Alle drei Varianten von Dichtungsmassen vermindern den Anteil an gelöstem Sauerstoff im Bier spürbar, am stärksten natürlich das Kombinationsprodukt. „Hauptkriterium der Qualitätskontrolle, auf das wir uns konzentrieren, ist immer die Sensorik. Die prüfen wir mit dem sensibelsten Getränk, nämlich reinem Wasser“, erläutert Nico Engelhardt.

Auch bei der Verwendung von Lacken und Farben, der Lagerung im Abfüllbetrieb und dem Verschließen im Füller sind viele Parameter zu beachten, um ein optimales Ergebnis zu erreichen. Der Kronenkorken, so unscheinbar er zunächst wirken mag, ist eine Wissenschaft für sich.

21 statt 24 Zacken

Der Erfinder William Painter hatte seinem Kronenkorken 24 Zacken verliehen. Dabei hatte er aber noch nicht die Hochleistungen der modernen Abfüllanlagen im Auge. Bei der automatischen Zuführung der Kronenkorken zum Verschließer in einer Laufrinne würden sich diese Kronenkorken nämlich leicht verhaken. „Das liegt daran, dass bei einer geraden Anzahl von Zacken jeweils zwei an jeder Seite an den metallenen Laufschienen anliegen und so leicht ins Stocken geraten. Dann verklemmen die Kronenkorken in der Zuführung. Bei einer ungeraden Anzahl an Zacken liegt auf der einen Seite jedoch nur ein Zacken an. Die Folge: der Kronenkorken kann sich drehen und rutscht problemlos zum Verschließer“, erklärt Michael Blüchel. Als das erkannt wurde, reduzierten die Hersteller die Zackenzahl auf 21 und gleichzeitig auch die Höhe von 6,75 Millimeter auf 6,0 plus/minus 0,15 Millimeter. Dass jeder Zehntel Millimeter beim Durchmesser entscheidend ist, müssen manche Abfüller auch heute noch erfahren.

Den richtigen Dreh

Kronenkorken können aus verschiedenen Blechtypen gefertigt werden, entweder verchromt, verzinnt oder aus Edelstahl. Während sich verchromtes und verzinntes Blech nur optisch im Glanz unterscheiden, wird Edelstahl vornehmlich eingesetzt, wenn Korrosionsprobleme zu befürchten sind. Beispielsweise bei Szenegetränken, von denen auszugehen ist, dass sie im Eiswasser gelagert werden, oder bei Getränken, die in tropischen Regionen ihren Absatz finden.

Eine international beliebte Variante sind Dreh- oder Twist-Kronenkorken. Diese Kronenkorken sind nicht per se mit einem Gewinde ausgestattet. Die Gewindegänge entstehen vielmehr erst beim Aufbringen auf die Flasche, in die ein Gewinde eingeprägt ist. Dann kann der Kronenkorken mit einem Dreh geöffnet werden. Die Gewindegänge der Flaschen sind allerdings recht empfindlich, weshalb diese Flaschen überwiegend im Einwegbereich eingesetzt werden. Die Verarbeitung erfolgt auf normalen Kronenkork-Verschließanlagen.

Comeback für Bügelverschlüsse

Im Bierbereich hat der Kronenkorken in den vergangenen Jahren etwas Konkurrenz durch die Renaissance der Bügelverschlüsse bekommen. Sie bieten den großen Vorteil der Wiederverschließbarkeit beim Endverbraucher und verleihen dem Produkt eine hohe Wertigkeit und ein traditionelles Image. Durch den Einsatz von unterschiedlichen Drahtqualitäten, von verzinktem Material bis hin zu Edelstahl, sind Bügelverschlüsse recht langlebig. In der Regel kommen heute Kunststoffköpfe als Alternative zum traditionellen Porzellankopf zum Einsatz.

Blechstärke und Kosten

Auch beim Kronenkorken geht es natürlich um Kosten. Die Abfüller fordern deshalb Untersuchungen in Bezug auf die Reduzierung der Blechstärke bei Kronenkorken. Das Standardmaterial ist gerade mal 0,235 Millimeter stark, Reduzierungen gehen bereits auf doppelt reduziertes Blech von 0,20 bis 0,18 Millimetern zurück.

International laufen auch schon Versuche mit reduziertem Blech von 0,16 und 0,15 Millimetern Stärke. „Das kann zu Lasten der Seitenschlagempfindlichkeit und Dichtigkeit gehen sowie auch zu CO2-Verlust führen“, warnt Nico Engelhardt. „Die Gefahr besteht, dass man mit der Reduzierungswut diese Art von Verschluss irgendwann kaputt macht.“ Das wäre doch zu schade für diese mehr als 120 Jahre alte Verschlusssache.

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Maria Seywald am 8. Januar 2016

Hallo John Skilton,vielen herzlichen Dank für das fachliche Feedback! Wir freuen uns, dass Sie den Artikel gefunden und gelesen haben und wissen Ihre Anmerkung zu schätzen! Viele Grüße aus dem Krones Social Media Team

John Skilton am 7. Januar 2016

Liebe Krones Team zusammen mit Peter Nüssen, Steve White habe ich den PVC freie Dichtungsmasse für Kronenkorken, Aluminium ROPP und Plastikverschlüsse erfunden und zumteil patentieren lassen. Die Behauptung das es handelt sich um PE (Polyethylene) is absolut falsch. Standard Dichtungsmassen wie Svelon 855 (erfunden in Mai 1985 deswegen 855) ist basiert auf thermoplastiches Kautschuk, Saurstoffsperretypen Oxylon CS25 auf butylkautschuk uns Plastikverschluss Typen auf basis EVA und oder TPE. Ferner PVC Dichtungsmassen für Kronenkorken gibt es zeit die 50er Jahren. Gruß John Skilton ehemalige Technical Marketing Director DS Chemie (Actega DS).

H.-J. Klauß am 12. Dezember 2013

Hallo Herr Fryzel! Sie machen einen gute Job.Dieser Artikel macht Freude beim lesen.Ich selbst habe 32 Jahre als Elektriker im Bergbau unter Tage gearbeitet und da war es wichtig,bei Problemlösungen dem Kollegen die Dinge so zu übermitteln das "Kopfkino" in seinem Kopf entstand und man so das richtige Ersatzteil bekam.Sie haben das "Kopfkino"in Ihrem Artikel wunderbar umgesetzt!Der mediale Auftritt der Firma KRONES im Netz ist,wie ich finde, sehr gut umgesetzt.Berichte,Bilder und Videos sind in sich rund und vermitteln dem technisch versierten Laien ein Gefühl der Leichtigkeit in einer so komplexen Technik! Ich trinke Bier übrigens aus der Bügelflasche.Mich haben da die Vorteile überzeugt:Schmeckt lecker(also meine Sorte mir),im Sommer keine Tiere in der Flasche,es liegen keine Kronkorken beim Grillen im Garten auf dem Rasen und wenn die Flasche umfällt bleibt das Bier in der Flasche. Warsteiner ist für mich gestorben.Das Gefühl nach 20 Flaschen Nieten-trinken möchte ich nie wieder erleben.;-) Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg bei KRONES! Mit freundlichen Grüßen Hans-Jörg Klauß

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