3 Min. Lesezeit Schichtwechsel – Kunststoffe und das Ende des Holozäns

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Schichtwechsel – Kunststoffe und das Ende des Holozäns Technologie | | 21.11.2016 3 Min. Lesezeit

Erdzeitalter – ein geologischer Begriff. Er bezeichnet einen Abschnitt der Erdgeschichte, der meist unter anderem mit dem Auftreten oder Aussterben bestimmter Organismen abgegrenzt wird. Nun soll laut einem internationalen Gremium von Geologen (Working Group on the ‚Anthropocene‘) ein neues geologisches Erdzeitalter eingeläutet werden. Das vorhergegangene ca. 12.000 Jahre alte Holozän wäre damit vom Anthropozän (griech.: Anthropos, Mensch) abgelöst.

Die Veränderungen, die der Mensch auf unserem Planeten bewirkt hat, sind inzwischen so einschneidend, dass sie wohl die Benennung eines neuen Erdzeitalters rechtfertigen. Diskutiert wird allerdings noch der Zeitpunkt des Beginns. Neben Phänomenen wie Artensterben, Artenwanderung und Klimawandel, hat sich auch die Sedimentzusammensetzung verändert. Die sich neu bildenden Sedimente enthalten seit Mitte des letzten Jahrhunderts industrielle Flugasche, elementares Aluminium und auch viele Kunststoffpartikel („Schlüsselmaterialien der neuen Zeit“) [1]. Angefangen hat die Verwendung von „Kunststoffen“ in der Steinzeit mit verschweltem Birkenpech als Klebstoff und Dichtmittel, heute sind wir bei Carbon-Leichtbau und Massenkunststoffen für Verpackungen.

Anscheinend lieben wir Menschen Kunststoffe – aber warum eigentlich?

Kunststoffe sind erschwinglich und mit einer Vielzahl wertvoller technischer Eigenschaften ausgestattet. Diese machen sie wiederum zum überlegenen Material für sehr viele Anwendungen. Das ist zunächst mal positiv.

Wenn sie jedoch aus dem technischen Kreislauf der Verwendung und des Recyclings oder der geordneten Deponierung herausfallen, können sie in der Natur schädlich sein. Bekannte Beispiele dafür sind der pazifische Müllstrudel (im Ozean schwebende Kunststoffpartikel), die Anreicherung von Schadstoffen an hydrophoben Kunststoffpartikeln (in der Regel Polyolefinen) und die direkte Schädigung von Lebewesen, die Kunststoff mit Nahrung verwechseln oder sich in größeren Kunststoffteilen wie verlorenen Netzen oder Schnüren verfangen.

Ein Grund für diese Probleme ist natürlich der manchmal etwas zu sorglose Umgang mit diesen sehr lange haltbaren Stoffen. Es wird immer noch zu wenig wiederverwertet und zu viel landet, sei es unabsichtlich oder vorsätzlich, in unserer Umwelt („lost and littered“).

Eine weitere Ursache liegt jedoch in einer zunächst sehr wertvollen Eigenschaft des Materials: der Haltbarkeit. Viele Kunststoffe sind unter üblichen Umweltbedingungen „persistent“, also sehr langlebig. Zwar gibt es auch Naturstoffe, die lange haltbar sind (besonders mineralische Stoffe, wie man am Beispiel der Fossilien erkennt) und unter bestimmten Umständen wie Permafrost oder Sauerstoffabschluss in Moorböden hält sich fast alles lange, aber eine Stoffklasse wie die der modernen Kunststoffe hat es in der Natur vorher noch nicht gegeben.

Neben der Haltbarkeit fällt auch die große produzierte Masse an Kunststoffen von weltweit ca. 280 Mio. Tonnen jährlich – das sind etwa so viel wie die 7 Milliarden Menschen auf unserem Planeten – stark ins Gewicht. Zudem hat Kunststoff eine Dichte ähnlich der des Wassers, wodurch selbst relativ große Kunststoffpartikel im Wasser schweben. Deshalb bleiben Materialien wenn sie in Gewässer gelangen lange im Bereich der belebten Umwelt, statt schnell zu sedimentieren.

Was bedeutet das für uns als Nutzer von Kunststoffen? Was tun? Soll man auf Kunststoffe generell verzichten?

Ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist. Das wäre nur eine Variante des „Vogel Strauß Verhaltens“. Kunststoffe sind mittlerweile ein unentbehrlicher Teil unserer Welt, und ob mögliche Produktalternativen ohne Kunststoff bei „Life-Cycle-Assessments“ besser abschneiden muss von Fall zu Fall genau betrachtet werden. Verzicht bis zur Selbstkasteiung ist global gesehen sicherlich auch weder mehrheitsfähig noch wünschenswert.

Es ist inzwischen fast jedem klar, dass wir in allen Bereichen nachhaltige Lösungen finden müssen, wenn wir Menschen als Art länger überleben wollen. Also Lösungen, die auch langfristig für unseren Lebensraum tragbar sind. Funktionierende Kreisläufe sind auf lange Sicht alternativlos, ob technisch oder natürlich und biobasiert. Einer der aktuellen Vordenker dieser Zusammenhänge ist zum Beispiel Michael Braungart mit seiner Aufforderung zum „cradle to cradle“Design.

Was also den Kunststoffmüll in unserer Umwelt angeht, ist meiner Meinung nach nur eine zweigleisige Strategie zur Lösung dieser Probleme sinnvoll.

Zum Einen muss natürlich oben genanntes „lost and littered“ in Zukunft reduziert werden. Weniger Material darf verloren gehen und vorsätzlich in die Natur geworfen werden. Funktionierende technische Kreisläufe sind hier der Schlüssel: echtes Kunststoffrecycling mit hoher Erfassungsquote.

Zum Anderen muss aber auch darüber nachgedacht und diskutiert werden, welche Materialeigenschaften tatsächlich für welches Produkt benötigt werden. Die Vielfalt in der Klasse der Kunststoffe ist nahezu ebenso groß wie in der Klasse der Naturstoffe und es kommen stetig weitere hinzu. Technische Eigenschaften, Wiederverwertbarkeit und Haltbarkeit müssen der Verwendung angemessen sein und vielleicht muss dabei nicht jedes Massenprodukt aus einem Material hergestellt werden, das 30 Generationen braucht, bis es in der Umwelt abgebaut wird.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kunststoffe ein Teil der Lösung sind und nicht nur ein Teil des Problems, wenn es darum geht unser neues Zeitalter des „Anthropozäns“ in eine stabile und lebensfreundliche Phase zu überführen.

 

(1, Gespräch Spiegel 39/2016 mit dem Geologen Reinhold Leinfelder)

 

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