4 Min. Lesezeit Craft Beer - Ein Kunsthandwerk aus Hopfen und Malz

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Craft Beer – Ein Kunsthandwerk aus Hopfen und Malz Menschen | | 15.12.2014 4 Min. Lesezeit

„Probier doch mal!“ – Mit diesen Worten überreicht mir meine Kollegin Eva mehrere kleine Dosen. Darin sind verschiedenen Malzsorten – helle, karamellfarbene und schokoladenbraune Körner. Es ist das erste Mal, dass ich Malzkörner im „Rohzustand“ sehe – ich bin also nicht gerade das, was man unter einer Bierexpertin versteht. Etwas skeptisch greife ich nach einem dunklen Malzkorn und beginne, darauf zu kauen. Und tatsächlich! Das dunkelbraune Malz schmeckt etwas bitter – aber auch eindeutig nach Schokolade. Ganz anders als die helle Variante, die ich danach teste und die sehr rauchig schmeckt.

Innovative Rezepturen für das Bierbrauen von Craft Beer: Hopfen, Malz, Hefe und kreative AromenSeit dieser Kostprobe, die übrigens auf der BrauBeviale stattfand, hat mich die Bier-Neugier gepackt. So nutzte ich gleich noch die Gelegenheit und suchte in der Rohstoffhalle der BrauBeviale die zweite Zutat, von der ich wusste, dass sie zum Bierbrauen auf keinen Fall fehlen darf – und wurde abermals erstaunt. Denn Hopfen gibt es tatsächlich mit Gletschereis-, Mandarinen- oder Citrusaroma! Die verschiedenen Hopfennoten und die exotisch klingenden Namen der Hopfensorten (etwa Polaris, Waimea oder Opal) noch in der Nase bzw. im Kopf, kam ich an mehreren Craft Beer Ständen vorbei. Im Vorübergehen beschloss ich, dem Thema weiter nachzugehen.

Denn Craft Brewer setzen genau das in die Tat um, was ich gerade für mich entdeckt hatte: Sie experimentieren mit verschiedenen Geschmacksstoffen. Daraus entstehen sogenannte Craft-Biere – so viel wusste ich. Doch was ist Craft Beer genau und woher kommt es? Eines wurde mir gleich zu Beginn meiner Recherche klar: Wenn man den Trend Craft Beer „verstehen“ möchte, muss man versuchen, sich in die Szene, die hinter dem Phänomen steht, einzufühlen. Denn Craft Beer ist mehr als „nur“ Bier – für viele ist es ein Lebensgefühl, eine bestimmte Einstellung. Dieses Lebensgefühl adäquat wiedergeben kann sicherlich nur jemand, der es auch selbst teilt. Als neugierige „Außenstehende“ möchte ich deswegen erst einmal Craft-Biere an sich genauer unter die Lupe nehmen.

Die Craft Beer Szene wächst, Bier liegt im Trend: Immer mehr brauen ihr individuelles Spezialitätenbier zuhause

Was ist Craft Beer?

Die verwendeten Zutaten zur Herstellung von Craft-Bieren sollen, genau wie deren Gärungsprozess, gleichzeitig traditionell und innovativ sein. Unter traditionellen Zutaten versteht man etwa Gerstenmalz, Hopfen oder Hefe. Craft Brewers fügen dann neue Aromen hinzu – häufig eher unübliche und einzigartige – und interpretieren traditionelle Biere neu. Sie experimentieren mit verschiedenen Geschmacksträgern und entwickeln neue Biere, die es so bisher nicht gab. Craft Biere sind also kreative Neuschöpfungen – auf „ursprünglicher“ Bier-Basis.

Häufig fällt im Zusammenhang mit Craft Beer auch der Begriff „India Pale Ale“, kurz IPA. Dabei handelt es sich um ein helles, extra stark gehopftes und meist fruchtiges Bier. Aber: IPA bedeutet nicht automatisch Craft Beer. Sprich: Nicht alle IPAs müssen automatisch Craft-Biere sein und umgekehrt sind nicht alle Craft-Biere IPAs.

Craft-Biere sind vielmehr Spezialitätenbiere, die sich von anderen Einheitsbiersorten unterscheiden. Biere mit individueller Note also, die sich von der Masse abheben – genau wie die produzierenden Brauereien. Hinter Craft-Bieren stehen kreative Rezepturen und Braustile abseits des Mainstreams. Das Handwerk rückt in den Vordergrund, Bier wird vom gewinnorientierten Massenprodukt zu einem besonderen Brau- und Trinkerlebnis.

Woher kommt Craft Beer, wer sind die Anbieter von Craft Beer?

IPA ist nicht gleich Craft Beer, die India Pale Ales können aber zu den Spezialitätenbieren gehörenDie Brewers Association, ein Zusammenschluss von Brauern und anderen Vertretern der Bierindustrie, unterscheidet zwischen vier verschiedenen Craft Beer Marktsegmenten: Microbreweries, Brewpubs, Regional Craft Breweries und Contract Brewing Companies.

Microbreweries haben weniger als 15.000 Barrel Jahresausstoß, wovon mehr als drei Viertel außerhalb der Brauerei vertrieben werden. Charakteristisch für Microbreweries sind außerdem innovativ-kreative und qualitativ hochwertige Biere. Deswegen werden dort auch häufig jahreszeitenspezifische Biere mit frischen, saisonal typischen Rohstoffen gebraut. Unter Brewpubs subsumiert die Brewers Association Restaurant-Brauereien, die mindestens ein Viertel ihrer Biere direkt vor Ort ausschenken. Das Bier wird also vorrangig für den Verkauf im eigenen Restaurant gebraut.Regional Craft Breweries sind unabhängige Brauereien, die vorrangig traditionell-innovative Biere mit eigener Note brauen. Außerdem führen sie mindestens eine Vollmalz Biersorte. Contract Brewing Companies hingegen beauftragen andere Brauereien, für sie (zusätzliches) Bier zu brauen und zu verpacken, welches sie dann vermarkten und verkaufen.

Drei Merkmale zeichnen amerikanische Craft Beer Brauereien damit laut der Brewers Association grundsätzlich aus: Sie sind klein, unabhängig und traditionell. Damit eine Brauerei für die Brewers Association als Craft Brewery zählt, darf der jährliche Bierausstoß sechs Millionen Barrel nicht übersteigen. Außerdem dürfen anteilig weniger als ein Viertel der Brauerei von Konzernen gehalten werden, die nicht selbst Craft Brewer sind.

Craft Bier liegt im Trend, auch bei großen Konzernen - ursprünglich ging die Bewegung jedoch von kleinen, unabhängigen Brauereien aus.Ist das noch Craft Beer?

So die Theorie – doch wie sieht es in der Praxis aus? Tatsächlich begann der Trend in den 1970ern in Amerika bei eben jenen kleinen, unabhängigen Brauereien. Doch längst hat sich der Trend international verbreitet und die großen Player erreicht, die mit eigenem „Craft Beer“ werben. Auch in Deutschland ist die Bewegung angekommen. Doch widerspricht das nicht dem Grundgedanken von Craft Beer: Eine Großbrauerei, die Craft Beer anbietet? Denn wie viel bleibt noch vom „Craft“, also vom Handwerk, dem kreativen Brauprozess, wenn riesige Konzerne Spezialitätenbiere in ihre Produktplatte aufnehmen?

Sicher ist nur Eines: Immerhin zeigt die rasante Verbreitung des Trends, dass der Wunsch nach einer neuen Bierkultur abseits der Einheitsbiere existiert – was auch Großkonzerne begriffen haben. Es ist die Lust an einem besonderen Geschmackserlebnis, die immer mehr Biertrinker zu einem Spezialitätenbier greifen lässt – ob dieses nun den Namen „Craft Beer“ verdient oder nicht, sei einmal dahin gestellt. Denn hier kommt wieder die oben angesprochene Lebenseinstellung ins Spiel – was Kreativität, Individualität und Craft Beer bedeutet, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Ich jedenfalls entscheide mich dafür, neugierig zu bleiben und weiterhin neue Aromen und Geschmäcker zu testen!

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